2025
Bauen im Bestand: vier Werkstattberichte
Vier technische Fragen – Wärme, Wasser, Brandschutz, Betrieb – und ein gemeinsamer Befund: Im Denkmal entscheidet die Reihenfolge über das Ergebnis, nicht die einzelne Lösung.
Am 4. und 5. April 2025 kam auf Einladung der Prozessbegleitung eine transdisziplinäre Runde in der Abtei St. Hildegard zusammen, um die technisch heikelsten Fragen der Transformation zu bearbeiten. Das Format war bewusst als Werkstatt angelegt: keine fertigen Lösungen, sondern die geordnete Aufarbeitung von vier Problemfeldern bis zu einer entscheidungsreifen Maßnahmenfolge.
Die vier folgenden Werkstattberichte behandeln die technischen Fokusthemen. Sie teilen einen gemeinsamen roten Faden, der die eigentliche fachliche Erkenntnis der Werkstatt ist: In einem denkmalgeschützten Kloster ist die Reihenfolge wichtiger als die Einzellösung. Fast jede Maßnahme hängt von einer vorgelagerten Analyse oder vom noch offenen Nutzungskonzept ab. Wer zu früh festlegt, verbaut.
1 · Raumklima und Energie
Ein historisches Haus wärmen, ohne es zu beschädigen
Ausgangssituation. Zwei Bereiche sind klimatisch besonders problematisch: der Schwesternchor und das Dormitorium. Im Chor herrschen extreme Temperaturen – im Winter zu kalt, im Sommer zu warm. Im Dormitorium sind die Gänge kalt, die Zellen wärmer; die Wärme verteilt sich ineffizient, die Heizkosten sind hoch. Über allem steht ein Gas-Blockheizkraftwerk, das bis zu seiner technischen Erschöpfung bestehen bleiben soll.
Die Werkstatt trennt sofort Umsetzbares von Nachgelagertem. Sofort empfohlen werden thermische Messungen und Simulationen – also erst messen, dann bauen –, die Dachdämmung mit biogenen Materialien auf der Geschossdecke und die Planung der Photovoltaik. Nachgelagert, weil von anderen Entscheidungen abhängig, sind der Umbau der Wärmequellen, die Ostwandbegrünung und die „Verdichtung“ des Konvents.
Bemerkenswert ist der Gedanke der Wärme-Nachbarschaften: Bewohnte Zellen werden räumlich verdichtet, sodass sie sich gegenseitig temperieren – eine Lösung, die nichts mit Technik zu tun hat, sondern mit Belegungsplanung. Sie hängt allerdings vom Sanitär- und Raumkonzept ab und kann deshalb nicht isoliert entschieden werden. Ebenso soll die Grundlast des Blockheizkraftwerks auf 18–19 °C begrenzt werden – aber nur, wenn ergänzende Systeme wie PV und Infrarotheizplatten das auffangen.
Was das für die Fachwelt zeigt. Die energetische Ertüchtigung im Denkmal ist hier kein Maßnahmenpaket, sondern eine Abhängigkeitskette. Fast jede wirksame Maßnahme setzt eine andere voraus. Der einzige wirklich sofort mögliche Schritt ist der, der Wissen schafft: messen und simulieren.
Übertragbare Frage
Welche unserer energetischen Maßnahmen sind wirklich unabhängig – und welche setzen in Wahrheit eine Entscheidung voraus, die wir noch gar nicht getroffen haben?
2 · Sanitärlösungen
Warum die Frage nicht „wie viele Bäder“ lautet
Ausgangssituation. Große Teile des Hauses haben keine zeitgemäße Sanitärausstattung. Für die künftige Klausur und die Infirmerie (Krankenstation) muss eine Lösung gefunden werden – bei unklaren Bedarfen, großen Entfernungen zu den Gemeinschaftsbädern.
Die Werkstatt verschiebt die Frage bewusst weg von der Menge hin zur Differenzierung. Die entscheidende Aussage: Die Lösungen sind vielseitiger als bisher angenommen. Zwischen Waschbecken, Trockentoiletten, individuellen und geteilten Nasszellen, Gemeinschaftsbädern und Gemeinschaftstoiletten mit mehr Privatheit lässt sich viel feiner abstufen. Der Leitsatz lautet: Qualität und Nähe sind wichtiger als Quantität – die Gestaltung soll einheitlich, würdevoll und funktional sein.
Was das für die Fachwelt zeigt. Die Bedarfsermittlung wird hier bewusst von Tätigkeiten her gedacht, nicht von Raumtypen. Das erlaubt Lösungen unterhalb der teuren Vollausstattung, ohne an Würde zu verlieren – und es macht den Prototyp zum Planungswerkzeug: Die Trockentoilette wird erprobt, bevor sie zum Konzept wird.
Übertragbare Frage
Planen wir Bäder – oder planen wir die Tätigkeiten, für die Menschen ein Bad brauchen? Die zweite Frage öffnet Lösungsräume, die die erste verschließt.
3 · Brandschutz, Trennungen und Erschließung
Sicherheit herstellen, ohne das Nutzungskonzept vorwegzunehmen
Ausgangssituation. Im Obergeschoss sind die künftigen Nutzungen noch offen – und mit ihnen die brandschutzrechtlichen Anforderungen. Ein Kloster, das teils weiter von Schwestern bewohnt, teils für Beherbergung, teils für Pflege genutzt werden soll, unterliegt in jedem dieser Fälle anderen Auflagen.
Die Spannung: Brandschutz drängt normalerweise auf frühe, harte Festlegungen. Das kollidiert mit einem Prozess, dessen Nutzungskonzept bewusst noch offengehalten wird. Zu früher, auf die höchste denkbare Auflage ausgelegter Brandschutz würde Räume verbauen und Geld binden, bevor überhaupt feststeht, wofür sie gebraucht werden.
Die Entscheidungslogik: Die Werkstatt dreht die übliche Reihenfolge um: Das Brandschutzkonzept wird erst aufgestellt, wenn das Nutzungskonzept steht. Möglich ist das, weil das Gebäude gute Grundvoraussetzungen mitbringt – mehrere Treppenhäuser. Rechtlich hilft eine Besonderheit: Das Kloster gilt als ungeregelter Sonderbau, und der staatliche Brandschutz ist für Kirchenbauten nicht zuständig. Sicherheit wird daher durch eigene, sachgerechte Vorkehrungen hergestellt, nicht durch schematische Vorschriftenerfüllung.
Was das für die Fachwelt zeigt: Brandschutz erscheint hier nicht als Sachzwang, sondern als abhängige Variable des Nutzungskonzepts. Die drei Merksätze der Werkstatt fassen die Haltung: „Kloster trotz(t) Brandschutz“, „Zelle ohne Hotellerie“, „Sicherheit ohne Vorschrift“. Kein akuter Handlungsdruck – aber planerisch vorzubereiten.
Übertragbare Frage
Welche unserer Sicherheitsanforderungen ergeben sich aus dem Gebäude – und welche erzeugen wir selbst erst durch die Wahl der Nutzung?
4 · Beherbergung und Pflege: die Frage nach dem Betrieb – Wenn die bauliche Lösung von einer unternehmerischen Entscheidung abhängt
Die beiden letzten Fokusthemen unterscheiden sich von den ersten dreien: Hier geht es nicht primär um Bauphysik, sondern um Betreiberschaft. Beide führen auf dieselbe ungelöste Grundfrage – Eigenbetrieb oder Fremdbetrieb.
Beherbergung. Die benediktinische Gastfreundschaft soll fortgeführt werden – still, einfach, qualitätvoll. Der Arbeitstitel lautet „Kloster auf Zeit“, und das Alleinstellungsmerkmal wäre gerade die Sehnsucht nach Einfachheit, Rückzug und Stille. Bevor jedoch gebaut wird, braucht es eine Analyse des bestehenden Beherbergungsbereichs und eine Wirtschaftlichkeitsberechnung: Welchen Deckungsbeitrag kann ein erweiterter Betrieb liefern? Erst darauf folgt die Konzeption – und die Grundsatzentscheidung, ob die Abtei selbst betreibt oder einen Partner hereinnimmt.
Was das für die Fachwelt zeigt: An diesen beiden Themen wird sichtbar, dass bauliche Planung an ihre Grenze kommt, wo die Betreiberfrage ungeklärt ist. Ob eine Brandmeldeanlage nötig wird, ob sich Nasszellen rechnen, ob überhaupt umgebaut wird – all das hängt an einer unternehmerischen Weichenstellung, die keine Fachplanung ersetzen kann.
Quellen · Interne Bestandsaufnahme „Situation St. Hildegard“ (Dez. 2021); Statuspapier „Die Situation der Abtei St. Hildegard im Jahr 2024“.
